SmartBall verloren – Fahrwagen gefunden!

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2013-10-Uetrecht-IMG_0247-ROVIm Bauch von Patienten soll ja nach Operationen schon manche Schere vergessen und erst sehr viel später wiedergefunden worden sein. Doch auch in anderen Branchen kann man einiges übersehen, verlieren und finden.

Im Utrechter Stadtteil Papendorp haben wir eine Rohwasserleitung DN 1200 per ROV untersucht: Ein SmartBall der kanadischen Firma Pure Technologies war bei einer Inspektion verloren gegangen. Das hochsensible Messtool mit Hydrophon, 3D-Beschleunigungssensoren, Mikroprozessor und SD-Speicherkarte ist nur 65 Millimeter, mit Schaumstoffhülle 175 Millimeter groß. Klein – und teuer.

Der holländische Trinkwasserversorger Waternet hatte naturgemäß andere Sorgen: Wo ist das Gerät? Sollte es irgendwo einen riesigen Schaden geben, der das Bällchen komplett aus der Leitung gedrückt hat? Hat es sich irgendwo verhakt, was ebenfalls für ein größeres Problem spräche?

Der Smartball war in der Wasseraufbereitungsanlage in Nieuwege in die Druckwasserleitung eingeschleust worden, um ein 29 Kilometer langes Leitungsstück zu durchschwimmen und Daten zu sammeln. 5000 Meter nach dem Start, kurz hinter Papendorp-Orteliuslaan, wurde er zuletzt geortet, im weitere 2000 Meter entfernten in De Meern war er nicht mehr angekommen – damit war der Bereich des Verschwindens zumindest eingegrenzt.

Doch die Situation vor Ort ist tricky: Die Leitung führt bei Utrecht unter der A2 zwischen Amsterdam und Maastricht hindurch, direkt am Autobahnkreuz westlich von Utrecht vorbei und kreuzt anschließend die A12 von Den Haag und Rotterdam nach Arnheim. Der Knooppunt Oudenrijn bei Utrecht verbindet die wichtigsten Autobahnen der Niederlande und dürfte zu den am stärksten befahrenen Autobahnteilstücken der Welt zählen. Ein Schaden an dieser Stelle könnte diese Autobahnen nebst Verbindungskreuz unterspülen! Es musste also schnell gehen.

Ich bewundere immer wieder den unbürokratischen holländischen Pragmatismus: Ein paar Telefonate mit dem Leitungsbetreiber Waternet, dem niederländischen SmartBall-Partner Quasset (gleichzeitig ein enger Partner von 8 SEAS und echter Geschäftsfreund!) und dem Bauunternehmen Visser & Smit Hanab (VSH).

ROV: 45 Kilo. Kabelrolle: 450 Kilo.
Mit kleinem Gerät auf der Suche nach dem verschollenen SmartBall

Dann rückte 8 SEAS (also ich) mit einem ROV mit 2000 Meter langem Kabel an. Als zweiten Mann hatte ich nicht einen Assistenten mitgebracht, sondern den „Kunstflug-Piloten für ROVs“, Bernd Ocic von Ocean Frontier Services angeheuert. Der Auftrag: SmartBall suchen, und, „wenn Ihr einmal mit dem ROV unten seid“ auch gleich noch die Rohre checken.

Das Remotely Operated Vehicle, rund 35 Zentimeter lang, 35 Zentimeter hoch und 47 Zentimeter breit, kann, anders als der kleine SmartBall, nicht durch ein Ventil in die Leitung eingeführt werden. Also machte VSH den Anfang: Ziemlich exakt „six feet under“ buddelten sie die Mannlöcher für den Zugang zur Leitung frei.

Erster Tag: Mannloch am Letschertweg in De Meern: ROV desinfizieren, Kabel komplett desinfizieren und rein in die Leitung. Bernd fernsteuert das ROV 1100 Meter gegen die Fließrichtung nach Süden, parallel zur A2. Gebannt schauen Projektleiter Ralf de Groot von Waternet, John van Doornik von Quasset und ich auf die Bilder, die das ROV liefert: Wir finden einzelne Zementmörtelausbrüche an Schweißnähten, keine relevanten Schäden, aber auch keinen SmartBall. Jetzt kommt der Düker, durch den die Wasserleitung die A2 unterquert: Nichts. Kurz dahinter die Absperrklappe: Nichts.

Verflixt. ROV zurückholen, vom gleichen Mannloch aus nochmal 500 Meter in Fließrichtung nach Norden bis auf die Sohle des nächsten Dükers „fliegen“ lassen: Nichts.

Neuer Tag, neuer Versuch, neues Mannloch: Jetzt starten wir nahe der A12 in Papendorp-Orteliuslaan.

Das wird auch hochkant eng:  ROV ohne Schwimmkörper (35x35x47cm) auf dem DN 500-Mannloch.

Das wird auch hochkant eng:
ROV ohne Schwimmkörper (35x35x47cm) auf dem DN 500-Mannloch.

Morgenüberraschung: Das Mannloch misst nur 500 Millimeter. Mist – zu eng für das ROV. Also Schwimmkörper  abnehmen, Handschuhe desinfizieren. ROV und Float desinfizieren und einzeln in die Leitung, von oben reinhangeln, ROV und Float wieder zusammenmontieren – und los: Die Leitung perfekt. Glatt wie ein Babypopo. Ansonsten: Nichts. 400 Meter, hier wurde der SmartBall das letzte Mal geortet, 700 Meter, 800 Meter, 850 Meter, 880 Meter, 890 Meter … „Sag’ mal, ist dahinten was???“ – „Ja aber, was soll denn das sein?“ – „Moment, ich bin gleich dran.“ – „Das kann doch nicht sein, das sieht doch aus wie …“

Genau: Mitten im Rohr parkt ein Fahrwagen, wie er von Wartungstechnikern genutzt wird. „Wie kommt der denn da hin???“ Des Rätsels – wahrscheinlichste – Lösung: Regelmäßige Kontrollen der Zementmörtelauskleidung der Trinkwasserrohre sind in den Niederlanden obligatorisch, denn viele Leitungen in dem dicht besiedelten und teilweise unter dem Meeresspiegel liegenden Küstenland laufen unter oder an Deichen entlang: Wenn es hier einen Rohrschaden gibt, sind der Deich und damit sehr viele Menschen in Gefahr. Deshalb verlangt Rijkswaterstaat, eine dem Ministerium für Infrastruktur und Umwelt untergeordnete Behörde, regelmäßige Inspektionen sämtlicher Leitungen, um kleine Lecks schnell reparieren zu können. Der Fahrwagen wurde wohl bei der letzten Kontrolle des Rohres im Jahr 2006 vom Dienstleister schlicht „vergessen“.

Immer noch kein SmartBall, aber ein Fahrwagen. Nun ja. Zumindest steht er da wie eine Eins. Schwer genug, um nicht vom Wasserdruck verschoben oder an die Innenseite der Leitung gedrückt zu werden und diese zu schädigen.

Fest eingeklemmt und gut versteckt: SmartBall unter Fahrwagen entdeckt!

Fest eingeklemmt und gut versteckt:
SmartBall unter Fahrwagen entdeckt!

Auch im Umfeld des „Verkehrshindernisses“, der dem Wasser andere als die vorgesehenen Bahnen aufzwingt, zeigt die Leitung keinerlei Schäden. Doch unten, unter dem Wagen, schimmert etwas blau. Ranzoomen und „ach nee, da ist er ja!“

Die leuchtendblaue Schaumstoffhülle hat den sehr unsmart eingeklemmten SmartBall verraten. ROV-Pilot Bernd Ocic ist auch Künstler am „Joystick“: Er packte den von der weichen PU-Hülle geschützten SmartBall mit dem Greifarm des ROV, angelt ihn unter dem Fahrwagen hervor und bringt ihn direkt mit zurück. Wow. Mit der Nummer könnte er bei „Wetten, dass ..?“ auftreten!

Mit den beiden beweglichen Fingern des ROV-Greifarmes fasst Bernd Ocic den eingeklemmten SmartBall und bringt ihn sicher zurück.

Mit den beiden beweglichen Fingern des ROV-Greifarmes fasst Bernd Ocic den eingeklemmten SmartBall und bringt ihn sicher zurück.

Problem Nummer eins: Done. Und sofort geht es weiter: Der Fahrwagen ist für den Einsatz in geleerten Rohren konzipiert und hat oben eine Holzplatte. Nach sieben Jahren im Wasser beginnt sie zu zerfallen. Lieber stellen wir uns nicht vor, was passiert, wenn Holzstücke oder andere Teile des Fahrwagens die nächste, nur 600 Meter entfernte Drosselklappe direkt vor der A2 blockieren und diese bei einem Schaden an der Leitung nicht geschlossen werden kann.

Gefahr erkannt – Gefahr gebannt? Ja – denn genauso schnell und unbürokratisch geht es auch weiter: Anruf von Ralf de Groot in der Zentrale und eine umgehende Entscheidung: „Mannloch am Fundort freilegen, Fahrwagen bergen. – SmartBall nicht vergessen! ROV mitnehmen!!“ – Danke, die letzten beiden haben wir schon. Und auch die Bergung des Fahrwagens war am nächsten Tag erledigt.

Und der SmartBall? Batterieleistung nullst – sonst hat er seinen überlangen Aufenthalt im Wasser, die Gefangenschaft unter dem Fahrwagen und den Greifarm-Transport unbeschadet überstanden – nur sein Schaumstoffmantel ist etwas zerknautscht. Egal – den gibt’s ohnehin für jede Untersuchung hygienisch neu.

Wir haben nicht nur viel Glück gehabt – am Ende waren auch alle glücklich: Der Wasserversorger Waternet, weil ein Problem beseitigt ist und die Leitung nur minimale Schäden zeigt. SmartBall-Entwickler Pure und deren Partner Quasset, weil das tolle Tool mit allen Daten und ohne jeden Schaden wieder aufgetaucht ist. Visser & Smit Hanab, weil sie noch ein Mannloch freilegen durften, um den Fahrwagen zu bergen. Und ich, weil ich gemeinsam mit Bernd einen guten, schnellen und unaufwendigen Job gemacht habe.

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